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Fashion

Die Suche nach dem heiligen Jeans-Gral

Jedes Jahr muß ich mich auf’s Neue auf die Suche nach dem heiligen Gral machen: der neuen Lieblingsjeans.
Ich bin sehr anhänglich. Wenn mich ein Modell überzeugt hat, trage ich nur noch diese eine Jeans und zwar gnadenlos! Daher stelle ich immer wieder dieselben und wie ich zugeben muss auch vielen Anforderungen an die Hose meines Vertrauens.

Der Jeanskauf an sich, ist der einzige Teil in der schönen bunten Auswahl der Shoppingwelt, der mir keinerlei Spaß macht, ja vor dem es mir sogar graust. Es kommt immer irgendwann der traurige Tag, an dem  ich plötzlich und unerwartet feststellen muss, dass die Zeit meines aktuellen Lieblinges vorbei ist. Dabei wird das Ende meist schon Wochen vorher von den Boten des Schreckens eingeläutet.
Als erstes sitzt sie nicht mehr gut am Hintern. Anfangs rede ich mir noch ein, dass ich wohl abgenommen haben muss, da sie so schlackert, aber wenn der Bund kneift und das Hinterteil schlackert, ist die Jeans einfach langsam aber sicher ausgeleihert.
Endzeitengel Nr. 2 zeigt sich in Gestalt der kleinen feinen Knötchen, die mich plötzlich je nach Lichteinfall anlachen und die ich auch durch noch so hektisches Reiben nicht wieder weg bekomme  – wahrscheinlich mache ich es dadurch sogar nur schlimmer…
Alle diese Anzeichen, kann ich durchaus eine Zeit lang übersehen. Alleine das Wissen, losziehen zu müssen, um mir eine neue Jeans zu suchen, beschert mir Bauchschmerzen. Wo soll ich anfangen? Und soll ich diesmal vielleicht doch bei Diesel vorbeischauen? Die haben ja schon immer coole Teile in der Werbung!
Wie gesagt, ich kann das lange rausziehen…. So lange, bis der Jeans-Sensemann vorbeischaut und mir unmissverständlich das Ende vor mein blasses Näschen hält. Das Ende hat die Gestalt eines Risses am rechten inneren Oberschenkel. Ich weiß nicht warum, aber es ist immer rechts. Schon klar, was ich meine, oder? Diese Stelle, die unmerklich aber ständig einer leichten Reibung ausgesetzt ist und sich so im Laufe eines Hosenlebens nach und nach abscheuert, so dass man irgendwann von den weißen Adern und Sehnen, die eine Jeans zusammenhalten und dem eigenen Oberschenkel der hindurchscheint begrüsst wird. Dann heißt es endgültig: game over!
Erfreulicherweise trage ich zu Jeanshosen am liebsten weite und etwas längere Oberteile, so dass man diesen Schandfleck noch eine kleine Weile verbergen kann. Trotzdem ist sein Erscheinen das endgültige Startsignal, loszuziehen und mich meinem größten Feind zu stellen! Jeansverkäuferinnen mit Hosengröße 26. Wie gemein ist das bitte? Ich gönne diesen Mädchen Ihre Victoria-Secret-Figuren von Herzen, aber das Gefühl, so ein Mädel um eine Hose in einer Größe zu bitten, wo eine ihrer Hosen nur über eines meiner Beine passt,  ist immer wieder sehr menschenunwürdig. Leider habe ich weder Zeit noch Muse, mir etwas auszusuchen für das ich voller Überzeugung auf die Straße gehen würde, aber sollte jemals jemand dafür demonstrieren wollen, dass die Jeansgrößen geändert werden: Leute, ich bin dabei!
Wir könnten alles aus Jeans tragen uns toll im Gesicht mit blauer Farbe schminken – geschmackvoll natürlich, schließlich ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass uns gutaussehende junge Polizisten auf ihren starken Armen wegtragen müssen. Die Plakate könnte man aus altem Jeansstoff zurechtschneiden, die Megaphones mit Jeansstoff überziehen, Flyer aus alten Fetzen verteilen, auf die wir mit roter oder noch besser pinker Farbe unsere Forderungen schreiben…
Modezeitschriften würden über dieses stylische Event berichten, wir hätten unsere eigene Facebook-gefällt-mir-Seite und selbst die gute alte Angie würde aus Solidarität zu uns eine Jeans im Kanzleramt tragen! (Angie keine Sorge, die gibt es auch mit Elasthan).
Oh entschuldigung, ich bin etwas abgewichen… ich tue einfach alles, um mich nicht der Wahrheit zu stellen.
Als erstes stellt sich die Frage: wo kaufe ich das gute Stück? Erstaunlicherweise bin ich in den letzten Jahren keinem Modell treu geblieben, sondern habe jedes Mal ein neues gewählt. Hach, was war das Anfang 2000 noch einfach! Da brauchte man nur eine Bootcut-Jeans kaufen und gehörte zum angesagten Teil, der Jeansträger. Wenn diese dann wie in meinem Fall auch noch von Seven war, stand man schon auf dem ersten Treppchen zum Fashionolymp.
Drei dieser wunderbaren Wunderwaffen habe ich genau drei Jahre lang getragen. Alles war gut, meine Welt war in Ordnung. Bis die gute alte Bootcut von einer jüngeren Version abgelöst wurde. Der Skinny-Jeans. Was noch wenige Monate zuvor belächelt wurde und in meinen Augen untragbar war, sah man plötzlich an allen Beinen herum laufen. Eine neue Art von Beinkleid war wiedergeboren und je öfter ich es sah, desto toller sah es aus!
Wie unförmig es doch war, zu einer ausgestellten Hose eine Tunika zu tragen! Und so bin ich jahrelang herumgerannt! Erst letztens habe ich eine alte Folge von meinen Freundinnen aus der Wisteria Lane gesehen und fand es einfach nur furchtbar und einfallslos. Die Bootcut war eine Uniform für alle Frauen. Die Skinny war der Revoluzzer.
Meine erste zaghafte Bekanntschaft machte ich mit einem extrem günstigen Exemplar von H&M. Schließlich musste ich mich langsam an das Gefühl gewöhnen, eine wandelnde Knackwurst zu sein. Der Erfolg sprach für sich. Die Möglichkeiten, die einem so eine Hose verleiht, sind schier grenzenlos! Gut, Chucks dazu auszuprobieren kann einfach nicht gut aussehen. Kein Mädel > Größe 34 und älter als sechzehn Jahre sieht in so einer Kombi wirklich gut aus. Aber wenn Du Dir zusäzlich eine Flechthochsteckfrisur machst, fühlst Du Dich auf jeden Fall einen Abend wieder wie neunzehn – aber danach, darf sich das auf keinen Fall wiederholen!
Der Jeanskauf bei H&M war also ziemlich einfach. Das Jahr drauf hatte ich gelernt. Eine Skinny musste es wieder sein, aber
B I T T E nicht wieder hüftig geschnitten! Es sieht einfach sehr unappetitlich aus, wenn man ein Strickkleid zu einer engen Jeans mit hohen Hacken anzieht und nach dem Aufstehen vom Stuhl jedes Mal alles zurecktrücken muss, weil sonst zwangsläufig rechst und links Einbuchtungen entstehen. Sowieso ging mir dieser jahrelang geübte Griff hinten an den Hosenbund und einmal schnell hochziehen langsam auf die Nerven.
Nach den vielen Stunden verzweifelten Suchens, war ich also in der Lage, meine Wünsche mit der Präzsision eines Lasers zu bennenen: „Ich brauche eine Röhrenjeans in Größe *pppppiiiiiep* und Länge 34, die nicht hüftig geschnitten ist.“
Jedes Mal bekam ich die Antwort „Oh das wird aber schwierig, die sind alle hüftig geschnitten“.
Warum?
WARUM?
Wer hat entschieden, dass nur Mädels mit superflachem Bauch und ohne jegliche Anzeichen von Hüftspeck Röhrenjeans tragen dürfen? Wenn mir der Verantwortliche mal in die Finger kommt, sollte er sich lieber eine gute Ausrede parat legen. An diesem Tag ging ich mit einer neuen Jeans nach Hause. Sie war dunkel, machte super lange Beine, war nicht hüftig und hatte ein gerades Bein. Diese Hose habe ich genau zwei Mal zum Weggehen getragen, danach wurde sie schnell die Hose, die Du „zum spazieren gehen“ anzieht.
Kurz darauf wurde ich  zufällig durch einen Newsletter fündig! Ein Internetstore, dessen Namen ich nicht nenne möchte, hatte ein Special Angebot für Seven Jeans. Kostenfreier Versand, kostenfreie Rücknahme, da musste ich zuschlagen. Das Ergebnis waren fünf Hosen, von denen mir eine in Größe 30 passte! Das Größenschild konnte unmöglich zu dieser Hose gehören, aber da sie an den Hosentaschen Glitzersteinchen sitzen hatte und wirklich extrem günstig war, behielt ich sie. Die Zeit, die wir miteinander hatten, war einfach wunderbar und unvergesslich. Ich konnte Ihr sogar verzeihen, dass sie hüftig geschnitten war. Wir haben uns einfach blind verstanden.
Der besagte Onlineshop hat mich übrigens nach der Rücksendung rausgeschmissen. Mit der Begründund, dass Onlineshopping wohl nicht für jedermann geeignet sei! Ist das zu fassen? Da wird groß  Werbung mit kostenlosem Versand, Kauf auf Rechnung  und problemloser Rückgabe gemacht und dann wird man penetrant rausgeworfen, wenn man davon Gebrauch macht! Aber sei’s drum. Ich hatte meine Hose und war glücklich. Eine Zeit lang…. so wie das halt immer mit einer neuen Jeans ist, bis der Teufelskreis von vorne beginnt…

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5 Comments

  • Reply Lisa

    Liebe Kathrin, das ist ein grandioser Eintrag, über den ich mich köstlich amüsiert habe ;)! Ein Glück, dass du eine Jeans gefunden hast!
    Ich kenne das mit der Lieblingsjeans und hatte neulich ähnliche Gedanken, als ich alte Fotos angeschaut habe ;).
    Lg, Lisa

    5. Mai 2015 at 19:24
  • Reply Kathrin Addictedtofashion

    Danke Lisa!

    5. Mai 2015 at 19:57
  • Reply Kirsten Wick

    Haha so gut geschrieben! Und es stimmt, die perfekte Jeans zu finden, ist es nicht so einfach. Ich kaufe mir seit Jahren übrigens die Jeans von Salsa, die sitzen echt perfekt. Liebe Grüße, Kirsten

    http://www.thelifbissue.com

    6. Mai 2015 at 11:21
  • Reply Anonym

    Über die makellose Wahrheit lacht es sich einfach am besten…und wer so viel Humor besitzt, kann selbst der Jeanskauf doch noch ein wenig zum Spaßprojekt werden?!
    LG
    NINA

    6. Mai 2015 at 14:10
  • Reply Kathrin Addictedtofashion

    Hihi, danke Euch!

    6. Mai 2015 at 18:20
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